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Internationaler Hebammentag: Zur Lage der Hebammen in Deutschland

By May 3, 2018 No Comments

Große Enttäuschung am Morgen: Soeben las ich, dass die Kolumne „Die Wehenschreiberin“ der Süddeutschen Zeitung nach einem Jahr eingestellt wird. Und das so kurz vor dem Internationalen Hebammentag am 5. Mai. In der Reihe berichtete eine Hebamme regelmäßig über ihren Berufsalltag und teilte schöne bis schaurige Erlebnisse als Geburtshelferin im Kreißsaal mit den Lesern – immer mit einem Augenzwinkern und mit Liebe zu ihrem Beruf.

Vielleicht steht die Einstellung der Kolumne symbolisch für die Situation der Hebammen in Deutschland? Die sieht nämlich gar nicht rosig aus.

Die Situation der Hebammen in Deutschland

Wer in den vergangenen Jahren schwanger war weiß, wie schwierig es sein kann, eine Hebamme zu finden. Sowohl in großen Städten wie Berlin, München oder Hamburg, als auch auf dem Land gibt es immer weniger Hebammen für die Vor- und Nachsorge. Die Nachfrage übersteigt das Angebot um Längen. Was ist passiert?

Jeder schwangeren Frau in Deutschland steht eine von der Krankenkasse bezahlte Betreuung durch eine Hebamme während der Schwangerschaft und bis zu 10 Wochen nach der Geburt zu. Die Hebamme übernimmt Vorsorgeuntersuchungen und kümmert sich nach der Geburt um Mutter und Kind, steht mit Rat und Tat zur Seite. Gerade für Frauen, die zum ersten Mal Mama werden, eine unerlässliche Hilfe im noch ungewohnten Alltag mit Baby.

Jedoch sind viele Hebammen bis auf Monate ausgebucht, müssen viele Anfragen ablehnen, wie Hebamme Jana Friedrich die Situation auf ihrem Hebammenblog zusammenfasst. Teure Versicherungen für freiberufliche Hebammen bilden den Kern des Problems.

Haftpflicht ist Pflicht

Hebammen, die keine feste Anstellung in einer Klinik haben, sondern freiberuflich arbeiten, brauchen für ihre Arbeit eine private Haftpflichtversicherung. Im Frühjahr 2010 wurde deutlich, dass drastisch erhöhte Berufshaftpflichtprämien um mindestens 50 Prozent für Hebammen nicht mehr bezahlbar sind.

Die Haftpflichtprämien, die die Versicherungen aufrufen, stiegen ins Unermessliche, denn, so schreibt Jana Friedrich:

  • Die Schadensfälle (Kinder, die auf Grund von Geburtsschäden mit Behinderungen zur Welt kommen) bleiben zwar gleich (niedrig), aber die Kosten für die Versorgung, die immer besser und damit auch teurer wird, steigen.
  • Hebammen sind bis zu 30 Jahre rückwirkend auf Schadensersatz verklagbar. Daher sind Schadenssummen schwer kalkulierbar. Wird eine heute ausgehandelte Summe im Jahr 2035 noch ausreichen, um die Kosten zu decken? Das fragen sich die Versicherer und kalkulieren, in gewisser Weise nachvollziehbar, großzügig.

Was bedeutet der Hebammenmangel für Schwangere?

Der Geburtenanstieg in Deutschland setzt sich fort. Der steigenden Zahl an Geburten steht jedoch ein Hebammenmangel gegenüber, der Schlüssel geht nicht mehr auf. Im Jahr 2016 wurden laut Statistischem Bundesamt 792.131 Kinder geboren. Das waren 54.556 Babys oder sieben Prozent mehr als im Vorjahr. Damit stieg die Zahl der in Deutschland geborenen Kinder das fünfte Jahr in Folge.

Spontangeburten im Auto auf dem Weg ins Krankenhaus hat es immer schon gegeben. Doch in letzter Zeit scheinen sich die Meldungen über Geburten, die auf offener Straße stattfinden, zu häufen. Frauen werden bei der Anmeldung im Kreißsaal abgewiesen: „Sorry, wir sind überbelegt“. Kliniken erreichen ihre Belastungsgrenzen, Hebammen betreuen mitunter drei bis vier Geburten gleichzeitig, dazu kommt der Schichtdienst, die schlechte Bezahlung. Meldungen über die Missstände bei den freien und den Klinikhebammen führen dazu, dass immer weniger junge Frauen den Beruf Hebamme ergreifen wollen – ein Teufelskreis. Auf lange Sicht bedeutet das für schwangere Frauen wohl, dass sie stärker auf ärztliche Betreuung angewiesen sind. Sowohl im Verlauf der Schwangerschaft, als auch unter der Geburt.

Warum Hebammen aber so wichtig sind und was ihre Arbeit für die Mütter so unerlässlich macht, hat Isabel von Little Years sehr treffend in ihrem Blogpost zum Internationalen Hebammentag 2017 zusammengefasst: „Hebammen beraten, unterstützen. Sind mit Rat und Tat zur Stelle, wenn es Probleme gibt. Im Idealfall sind sie von Anfang an, während der Schwangerschaft, der Geburt und auch danach für die Frau und die Familie da. Das ist die ideale Rundum-Betreuung, die heute leider nur noch wenige Frauen bekommen. Denn, wie gesagt, der Beruf der Hebamme ist vom Aussterben bedroht. Es herrscht Hebammen-Mangel in Deutschland.“

Fern von Klischees

Viele Insta-Mamas werden sie kennen: Clemmie Hooper, besser bekannt als @motherofdaughters, versorgt ihre Fans (fast eine halbe Million Instagram-Follower) täglich mit Geschichten aus ihrem Alltag als Hebamme und Mutter von vier Töchtern. Nebenbei hat sie mal eben zwei Bücher veröffentlicht und reist als Familienbotschafterin durch die Weltgeschichte. Ob Clemmie ein „Hebammen-Sonderfall“ ist, oder nicht: Ihre Fotos und Insta-Stories sind auf jeden Fall höchst unterhaltsam und zeigen überwiegend die schönen Seiten des Hebammenberufes auf.

Wir wünschen allen Hebammen zum Internationalen Hebammentag am 5. Mai ganz viel Kraft, Stärke und Durchhaltevermögen. Wir hoffen auf eine Besserung der Situation der Hebammen in Deutschland und wünschen uns eine liebevolle Begleitung vor, während und nach der Geburt. Für alle Mütter.

 

 

 

 

Bildnachweis: New Born Baby Pink Lace von rawpixel.com, Creative Commons CC0 via Pexels

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